Früher dachte ich bei Erfolg an Dinge, die man sehen konnte: gute Noten, erreichte Ziele, volle Tage und Lernstunden und einfach das Gefühl, etwas geschafft zu haben….
1. Was Erfolg früher für mich bedeutete:
Früher dachte ich bei Erfolg an Dinge, die man sehen konnte: gute Noten, erreichte Ziele, volle Tage und Lernstunden und einfach das Gefühl, etwas geschafft zu haben.
2. Dann kam ME/CFS und diese Definition schien einfach nicht mehr auszureichen.
Plötzlich waren diese Maßstäbe unerreichbar oder sogar schädlich. Ich wollte trotz der Krankheit immer noch „genug“ sein. Erfolgreich. Intelligent. Alles, worauf das Schulsystem und die Gesellschaft aufbauen. Mein Kopf wollte, aber mein Körper konnte nicht. Es tat mir sehr weh, nicht in den nächsten Jahrgang versetzt zu werden. Ich erinnere mich noch, wie ich all meine Schulsachen wegschmiss, weil ich mich wie ein Versager gefühlt hatte. Ich konnte den Anblick der Schulbücher und Hefte nicht mehr ertragen.
3. Mein tiefster Punkt:
Bell Score 0. Ich war bettlägerig. Konnte kaum atmen, stehen, gehen, sogar einen Arm zu heben war zu anstrengend. Mein Puls war bei dem Versuch direkt bei ca. 160 Schlägen die Minute. Nach einiger Zeit in diesem Zustand wurde mir klar, dass Erfolg etwas anderes bedeuten muss. Aber es brauchte sehr lange, bis ich endlich dazu kam, diese Ansicht nicht nur anzunehmen, sondern auch umzusetzen.
4. Was heute für mich Erfolg sein kann:
- Ein paar Schritte gehen.
- Einige Seiten lesen.
- Etwas schreiben.
- Etwas für die Schule machen.
- Duschen, ohne komplett erschöpft zu sein.
- Einen guten Tag nicht zu überziehen.
- Rechtzeitig Pause zu machen.
- Einen Plan abzusagen, bevor ein Crash kommt.
- Und das Wichtigste: mir wieder in die Augen sehen zu können ohne das Gefühl, zu haben, dass ich versagt habe.
Ich musste erst merken, wie selbstverständlich ich viele Dinge früher genommen hatte.
5. Warum sich das anfangs nicht wie Erfolg angefühlt hat:
Während andere in meinem Alter gute Noten schrieben, reisten und eine Abschlussparty schmissen, wirkten meine paar Schritte echt klein. An sich fühlte ich mich recht klein. Wie, als wäre das alles etwas, was ich sowieso schon konnte und nicht etwas, was ich mir zurück erkämpft habe.
6. Der Unterschied zwischen Fortschritt und Produktivität:
Früher stellte ich mir die Frage, wie viel ich an dem Tag geschafft habe. Ich hakte To-do Listen ab und konnte mich guten Gewissens ins Bett legen.
Heute lautet die Frage anders: Hat mein Körper diese Belastung gut verkraftet, auch danach? Wenn die Antwort „Ja“ ist, habe ich alles richtig gemacht. Wenn es das Gegenteil ist, ist es trotzdem in Ordnung. Niemand ist perfekt. Ich versuche nicht mehr, an einem guten Tag alles nachzuholen. Ich versuche, etwas aufzubauen, das morgen noch steht. Man muss es sich vorstellen wie ein Fundament. Es zu formen, ist schwer, aber wenn man es hat, kann man alles drauf bauen, was man möchte.
7. Erfolg ist nicht linear:
Ein guter Tag bedeutet nicht automatisch Fortschritt, aber das Gute ist, ein schlechter Tag bedeutet nicht automatisch Rückschritt. Ich sage immer, dass meine Krankheit wie eine Achterbahn verläuft. Es geht hoch und runter und von Tag zu Tag ist es anders. Nach einem schweren Tief kam bei mir oft ein kleines hoch und die Tiefs wurden immer kleiner, während die Hochs immer höher wurden.
8. Was ME/CFS mir über Erfolg beigebracht hat.
- Erfolg ist individuell.
- Kleine Dinge können riesig sein.
- Grenzen respektieren ist keine Niederlage.
- Fortschritt muss von außen nicht beeindruckend aussehen.
- Wert hängt nicht von Produktivität und Erfolg ab.
9. Was ich trotzdem nicht romantisieren würde:
Ich bin dankbar dafür, kleine Dinge anders wahrzunehmen. Ich bin glücklicher über Aussichten und Sonnenstrahlen, aber ich hätte diese Lektion trotzdem lieber nicht auf diese Weise lernen müssen.
10. Abschluss: Meine Definition heute:
Erfolg ist für mich heute anders. Nicht laut und leuchtend. Erfolg ist für mich alles, was der Person wichtig ist. Er bedeutet für mich, dass ich nicht immer auf einem Podest stehen, oder die Beste sein muss. Manchmal reicht es einfach, selbst zu wissen, dass man etwas gut gemacht hat und den Kampf, den es brauchte, um zu diesem Punkt zu kommen, zu respektieren.
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